Grundlagen: Saint-Simonismus

[aus dem Heine-Handbuch von Gerhard Höhn]

In seinem ersten Pariser Jahr wurde Heine Zeuge von Ausbreitung und Triumph des theoretischen Saint-Simonismus. In seinen letzten Jahren wurde er Zeuge von Ausbreitung und Triumph des praktischen Saint-Simonismus. Er hat die sozialistische Doktrin, die Schüler des Sozialwissenschaftlers und Reformers Graf Claude-Henri de Saint-Simon nach dessen Tod (1825) zu einem Instrument gegen die antagonistischen Gegensätze in Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitet haben, intensiv rezipiert und gründlich gekannt. Die weltanschaulichen Überzeugungen, die den frühen Frankreich- und Deutschland-Schriften zugrunde liegen, gehen auf diese Rezeption zurück. Später hat sich Heine dann unter dem Eindruck ihrer praktischen Erfolge beim Aufbau des Kapitalismus in Frankreich deutlich von seinen früheren Kampfgefährten distanziert.

Um wenigstens eine grobe Vorstellung vom Saint-Simonismus zu geben, sei daran erinnert, daß Saint-Simon, der Begründer der modernen »science sociale«, in den Werken seiner letzten Lebensjahre, nach dem Bruch mit dem Liberalismus (Ende 1817), die Rolle der ökonomischen Entwicklung, der sozialen Klassen und Klassenkämpfe in der Geschichte untersucht hat, um in scharfer Stellung gegen die müßigen Stände des Ancien régime eine Theorie der modernen, industriellen Gesellschaft zu entwickeln. Diese sollte weder Vorrechte der Geburt, noch vererbtes Eigentum, noch untätige Klassen kennen; sie sollte harmonisch organisiert und hierarchisch nach den »capacités« eines jeden geordnet sein; den Künstlern sollten soziale Aufgaben zufallen, und eine neue Religion der Liebe und Brüderlichkeit sollte die Menschen moralisch befreien und ihnen neue Bindungen geben. In seinem geistigen Vermächtnis, Le nouveau christianisme (1825), stellte Saint-Simon das berühmte, von seinen Schülern gepredigte und von Heine zitierte Postulat auf: »Toute la société doit travailler à l'amélioration de l'existence morale et physique de la classe la plus pauvre« (vgl. B 5, 468 und 9, 503). Die Getreuen Saint-Simons, Olinde Rodrigues, Barthélémy-Prosper Enfantin und Saint-Amand Bazard haben dann dessen Ideen umgestaltet, systematisiert und zu einer Doktrin geordnet (niedergelegt in Doctrine de Saint-Simon. Exposition. Prémière année, 1829, Deuxième année, 1830, Paris 1830; bereits 1830 2. Aufl. des ersten Bandes). Nach ihrer Theorie würde der neue Klassenantagonismus, derjenige zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ermöglichte, von einer Gesellschaftsordnung überwunden werden, in der ein staatlicher Organismus die Produktionsmittel zuteilte und die industrielle Produktion ankurbelte; in der Geburtsprivilegien zusammen mit dem alten Erbrecht abgeschafft und ein neues, soziales Eigentumsrecht eingeführt würde; in der die höchste Autorität von der Trias Industrielle (das wären alle produktiv Tätigen), Wissenschaftler und Künstler ausgeübt würde und in der der liberale Individualismus durch Assoziation, Gemeinschaftlichkeit und religiöse Bindungen abgelöst wäre. In der Doktrin des zweiten Jahres wird die Autorität des Priesters an die Spitze gestellt. Nach 1830 nahm die Bewegung mehr die Züge einer gut organisierten, über ganz Frankreich verbreiteten, militanten Sekte (»Eglise«) an, die sich über Fragen der Gottesvorstellung, Emanzipation der Frau und Sexualmoral (Rolle der Ehe, Promiskuität) bald spaltete.

In Heines Rezeption des Saint-Simonismus, die im wesentlichen Anfang 1831 beginnt, spielen persönliche Kontakte neben Lektüren eine wichtige Rolle (das hat alles Dolf Sternberger herausgearbeitet). Wahrscheinlich hat er keine Schrift von Saint-Simon gelesen, aber dessen Ideen durch andere Quellen kennengelernt. Sicher ist, daß er noch in Deutschland die Doctrine von 1829 durchstudiert hat (die Lektüre des zweiten Jahres ist nicht nachgewiesen). Zusammen mit einem Exzerpt über die Armut Saint-Simons schreibt er am 10. Februar 1831 an den Hamburger Philanthropen Hartwig Hesse, er könne nicht umhin, »eine Abschrift der längst besprochenen Stelle meines neuen Evangeliums beyzufügen« (auf die Armut Saint-Simons kommt ein Lutezia-Artikel zurück, B 9, 503). Wie sehr ihn die neue Lehre beschäftigt und wie er sie rezipiert hat, das zeigt der Brief an Varnhagen vom 1. April 1831: » ... und träume jede Nacht ich packe meinen Koffer und reise nach Paris, um frische Luft zu schöpfen, ganz den heiligen Gefühlen meiner neuen Religion mich hinzugeben, und vielleicht als Priester derselben die letzten Weihen zu empfangen«. Tatsächlich hätte der Empfang in Paris nicht besser sein können: Gleich nach Heines Ankunft begrüßt Michel Chevalier, Chefredakteur der Zeitung »Le Globe« (1830 von den Saint-Simonisten übernommen und seit 1831 mit dem Untertitel »Journal de la doctrine saintsimonienne« versehen), den fortschrittlichen deutschen Dichter (am 22. Mai). Die Jahre 1831 bis 1835 sind nun die Zeit der größten Annäherung an die Bewegung (mit enger Verbindung von Mai 1831 bis März 1832). Auf dem Höhepunkt der Saint-Simonisten hat der Ankömmling Kontakte zu Chevalier (1834 »der große Apostel der größten Idee unserer Zeit« genannt, B 3, 673) und zu Enfantin; er nimmt an Versammlungen in der Salle rue Taitbout, wahrscheinlich auch an Soireen in der rue Monsigny teil (die Gemeinde besteht zum größten Teil aus Vertretern des liberalen Bürgertums). Der »Globe« druckt Texte von Heine und erwähnt den engagierten Schriftsteller. Heines intensive »Globe«-Lektüre wird von einer nahezu vollständigen Sammlung der Zeitung vom 15. Juni 1831 bis zum 20. April 1832, also bis zu ihrem Ende, bezeugt, die sich mit Anstreichungen in seiner Nachlaßbibliothek gefunden hat. Nach den ersten polizeilichen Schlägen gegen die Saint-Simonisten (Schließung der Salle rue Taitbout am 22. Januar, die er als Augenzeuge erlebt hat) analysiert Heine die Situation folgendermaßen: »Daß sich die St. Simonisten zurückgezogen ist vielleicht der Doktrin selbst sehr nützlich; sie kommt in klügere Hände. Besonders der politische Theil, die Eigenthumslehre, wird besser verarbeitet werden. Was mich betrifft, ich interessire mich eigentlich nur für die religiösen Ideen«. Im selben Brief an Varnhagen von Mitte Mai 1832 teilt er seine Absicht mit, ein Buch über den Saint-Simonismus schreiben zu wollen. Ein Jahr später, nach der Verurteilung von Chevalier, Duveyrier und Enfantin im August 1832 zu Gefängnisstrafen, besucht Heine seinen einsitzenden Freund Chevalier, um über Religion zu diskutieren (Brief an Varnhagen vom 16. Juli 1833). Im August und September hat er mit dem wieder freigelassenen ehemaligen »Père suprême« der Kirche, Enfantin, persönlichen Umgang; er läßt sich, wie er in der Dédicace erklärt, zur Philosophieschrift anregen (s. B 6, 913) und widmet Enfantin, wie erwähnt, De l'Allemagne. Danach verblaßt Heines Interesse am Saint-Simonismus spürbar. Wenn man nun nach dem fragt, was Heine, den kompromißlosen Kritiker von Adel und Klerus, zu Beginn der 30er so stark fasziniert hat, wird man aus deutscher Sicht zuerst die anti-feudale Ideologie und aus umfassender Sicht die klar akzentuierte Priorität der sozialen Frage gegenüber rein politischen Lösungen nennen müssen. In der Pariser Vorrede von 1834 diskutiert der Autor der Reisebilder seine gewandelte Begrifflichkeit in engster Beziehung zum Saint-Simonismus: Unter »aristocratie« versteht er jetzt nicht nur »la noblesse de naissance, mais tous ceux, quelque nom qu'ils portent, qui vivent aux dépens du peuple. La belle formule que nous devons, ainsi que beaucoup d'excellentes choses, aux Saint-Simoniens, l'exploitation de l'homme par l'homme, nous conduit bien par delà toutes les déclamations sur les privilèges de la naissance« (B 3, 677 bzw. 4, 956). Als Saint-Simonist präzisiert er ferner, daß es nicht mehr in erster Linie darum gehe, die alte Kirche zu zerstören, sondern eine neue aufzubauen und sogar selber Priester zu werden, statt die »prêtrise« zu vernichten! Die jetzt vertiefte Einsicht in die Bedeutung der sozialen Frage, die auch die Polemik gegen die Republikaner nährt, teilt der Brief an Laube vom 10. Juli 1833 mit. - Weiter mußte der Kritiker der Zerrissenheit und der Fürsprecher der Leiblichkeit seine Gedanken in dem integrativen Modell wiederfinden, das die Saint-Simonisten zur Überwindung des Gegensatzes von »chair« und »esprit« bzw. von Sensualismus und Spiritualismus entwickelt haben und das in Enfantins pantheistischen Vorstellungen gipfelt. Was in den Reisebildern ansatzweise spürbar geworden ist (Italienreise), erhält jetzt eine begriffliche Präzisierung. Die begriffssprachliche Übernahme stellt der Vorbericht zur Romantischen Schule von 1833 klar heraus (B 6, 861); den inhaltlichen Anschluß bezeugt, neben den Prosaschriften, ein Gedicht wie Seraphine VII (Neue Gedichte). Die kulturgeschichtliche Krisologie der modernen Gesellschaft, wie sie Heine bei den Saint-Simonisten vorfinden konnte, hat später seine Auffassung von Idealtypen mitgeprägt. - Außerdem mußte der Hedonist, der eine Genußreligion predigte, der industriellen Fortschrittsdoktrin der Saint-Simonisten zustimmen, die Verzicht und Misere ihre Grundlage entziehen sollte (z.B. B 5, 468 und 519). Heines Religion der Diesseitigkeit vermag sich sowohl auf die »Réhabilitation de la Matière« wie auf die industrielle Vision der Saint- Simonisten zu stützen. - Ferner konnte sich der Befürworter sinnlicher Emanzipation der sexual-moralischen Diskussion anschließen und die Idee der Frauenbefreiung oder freier Liebe übernehmen (z.B. B 5, 568, später in Lutezia, B 9, 258 und 319, z.T. Zusätze 1854). Den Vertreter engagierter Dichtung hat die soziale Bestimmung der Künstler anziehen müssen (dazu Kuttenkeuler, 79 ff. und allgemein Biermann und Hoeges). Eine Übernahme der Geschichtstheorie, die einen Wechsel von »organischen« und »kritischen« Perioden behauptet, hätte allerdings z.B. im Hinblick auf die Neuzeit eine völlige Umwertung erfordert. Schließlich mußte der Napoleon-Verehrer mit dem Saint-Simonismus sympathisieren, weil auch er die Rolle großer Individuen anerkannte (Französische Zustände). Und Heines Genievorstellungen kam die Forderung nach der Herrschaft der Kapazitäten und Talente entgegen.

Der weitgehende Anschluß an den Saint-Simonismus bei vorausgehender Ideenverwandtschaft darf aber nicht über wesentliche Gegensätze zu einer Theorie hinwegtäuschen, die von großer Tragweite für die sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Dem Autor der Philosophie-Schrift wird durch den Brief Enfantins aus Ägypten (s.o.) endgültig bewußt geworden sein, daß seine Forderung einer neuen Revolution mit den reformerischen Vorstellungen der Saint-Simonisten, für die mit den beiden französischen Revolutionen der geschichtliche Prozeß beendet war, unvereinbar ist. Angesichts der neuen sozialen Kämpfe bestreitet er ihnen in Lutezia ihre Selbständigkeit (B 9, 497: sie werden zu den Kommunisten übergehen). Der Widerspruch zu einer Theorie, die, wie die Doktrin des zweiten Jahres, den Künstler als Sprachrohr des Priesters auffaßt, bricht 1838 durch: Wenn der Einfluß des Saint-Simonismus in den Malern am greifbarsten war, so wird er jetzt im Namen künstlerischer Autonomie abgewiesen (B 5, 317; wichtige Teile der Doktrin, wie die ökonomische Theorie, hat Heine nicht näher wahrgenommen). Die gestrichene Widmung an Enfantin in De l'Allemagne von 1855 ist dann das sichtbarste Zeichen von Heines Absage an den praktischen Saint-Simonismus, die der neue Avant-Propos noch nahezu satirisch rechtfertigt: Aus den »martyrs« der »parti le plus avancé de l'emancipation humaine« sind inzwischen »néo-millionnaires« geworden, die nicht mehr vom »l'âge d'or« träumen, sondern sich mit dem »l'age d'argent« zufrieden gegeben haben (B 11, 439 f. bzw. 12, 142; auf den Einspruch Chevaliers, mit dem er immer noch in freundschaftlichen Beziehungen stand, erwog Heine einen Augenblick die Rücknahme des Avant-Propos, blieb aber bei der ursprünglichen Entscheidung, so daß die späteren Auflagen von De l'Allemagne, in denen der Text tatsächlich fehlt, nicht autorisiert sind, DHA 8/2, 1488).

War Heine, einer der wichtigsten Propagandisten der neuen Soziallehre in Deutschland, Saint-Simonist? Seit Adolf Strodtmann (H. Heines Leben und Werke, Berlin 1869, 2. Bd.) darauf hingewiesen hat, konnte die ältere Forschung (z.B. Lichtenberger) und die jüngere den Einfluß eingehend nachweisen und bestätigen. Eine gewisse Uneinigkeit besteht nur in der Frage, ob es sich im Denken Heines um einen Neubeginn handelt (dazu neigt Sternberger) oder um Kontinuität (das betonen Kuttenkeuler und Iggers - für ihn ist 'alles' schon in den Reisebildern enthalten). Neuerdings haben die Bandbearbeiter der Düsseldorfer Ausgabe davor gewarnt, Heine als »treuen Anhänger« der saint-simonistischen Schule hinzustellen (Derré und Giesen in DHA 12/2, 515 und 519), bzw. haben unterstrichen, daß Heine »sich selbst in den fraglichen Jahren niemals als Saint-Simonist bekannt hat« (Windfuhr in DHA 8/2, 531 und f.). Angesichts seiner kritischen Stellung kann von Identifikation in der Tat keine Rede sein. Aber Heine hat in einer repressiven Phase der französischen Innenpolitik und in seinem weiter restaurativen Heimatland nicht wenig gewagt, als er einer polizeilich und gerichtlich verfolgten Gruppe doch zumindest eine »höllische Reklame« machte (vgl. B 9, 231). Die Enfantin-Widmung von 1835 hat er (zwanzig Jahre später) als Demonstration von Solidarität mit den »Besiegten« und als Herausforderung an die Sieger verstanden - ein bißchen war sie wohl damals auch ein nachträgliches Bekenntnis, wenn nicht eines Anhängers, so doch eines 'Sympathisanten'.